| Forschungen im Sudan
von Hartwig Walcher
Schon während meiner ersten Afrikareise im Sommer 1994, welche mich nach Westafrika führte, fielen mir Schnittnarben an den Wangen mancher EinwohnerInnen auf, was mein Interesse an dieser Form des Körperschmucks weckte. Zu jener Zeit gab ich mich noch damit zufrieden, die Skarifikationen zu bewundern, auch die Erklärung der Träger, es handle sich dabei um "Stammeszeichen", genügte mir.
In den folgenden Jahren konzentrierte ich mich in meinen künstlerischen Arbeiten mehr und mehr auf Oberflächengestaltungen bzw. Oberflächenstrukturen. So rückte auch das Thema Mensch, der menschliche Körper und besonders seine Haut ins Zentrum meiner Interessen.
Ich entschied mich, nach langen und gewissenhaften Erkundigungen und Vorbereitungen über die Entstehungsgeschichte der Skarifikation, in den Sudan zu reisen. Im Frühling 2002 begann meine Forschungsreise. Nach langer und aufschlussreicher Reise den Nil aufwärts, erreichte ich Mitte Mai Khartoum, die Hauptstadt des Landes. Von dort aus konnte ich meinen Forschungen ungehindert nachgehen, betreut durch die Universität und einheimische Freunde, meine eigenen Erfahrungen mit und Beobachtungen zu Skarifikationen machen.
Die folgenden Kapitel basieren auf diesen Erkenntnissen, Interviews mit skarifizierten Personen sowie mit Lehrenden der Universität und auf Fachliteratur, die mir in Bibliotheken des Landes zugänglich war. Um die Schwierigkeiten meiner Recherche zu spiegeln, aber auch um die Herzlichkeit der Menschen zu beschreiben, werde ich in den nachstehenden Kapiteln manche Einträge aus meinem Reisetagebuch zitieren.
1. Tag
Um 11h hat die Fähre aus Assuan (Ägypten) im Hafen von Wadi Halfa (Sudan)
angelegt.
Nach beinahe zwanzig Stunden an Bord und vielen aufschlussreichen Gesprächen mit sudanesischen Mitreisenden (die meisten hatten Narbenmuster im Gesicht), konnte ich nun endlich sudanesischen Boden betreten. Ich hatte gedacht, in einer Stadt anzukommen. Was ich zu sehen bekam, war eine Ansammlung weniger Lehmhütten. Meinen Informationen nach war Wadi Halfa vor dem Bau des Assuanstaudammes eine große Stadt, die aber durch den aufgestauten Nil größtenteils überflutet wurde.
Ich hatte geplant, vor Ort zu übernachten, um tags darauf nach Khartoum weiterzufliegen, - es gibt tatsächlich einen Flughafen im Dorf. Das einzige Hotel jedoch ist mir ein wenig zu spartanisch, daher entschließe ich mich, Zeit und Geld zu sparen, indem ich mir eine Fahrkarte für den Bus nach Khartoum besorge.
2. Tag
Die Busfahrt in den Süden ist die abenteuerlichste meines Lebens: der Autobus ist an die zwanzig Jahre alt, eine mir unbekannte Marke. Mit dreißig Mitreisenden kämpfen wir uns über tausend Kilometer durch die Wüste, keine Straßen, sondern niedergefahrene Sandpiste. Die Vibrationen sind so stark, dass ich am Ende jeden Knochen und Muskel spüre; selbst die Schrauben meiner Kamera haben sich gelockert.
Dennoch gelang es mir, mit einigen Mitreisenden in Kontakt zu treten und verschiedensten Skarifikationen zu beobachten.
7. Tag
Ich erhalte eine Übernachtungseinladung eines Bekannten meiner Kontaktperson. So kann ich das teure Hotel verlassen. Mohammed ist Journalist und bewohnt mit seiner Familie ein traditionelles Lehmhaus im historischen Stadtteil von Khartoum. Ich verbringe meine erste Nacht wegen der Hitze im Innenhof des Anwesens unter freien Himmel, wie beinahe alle Einheimischen auch, und es wird sicher nicht die letzte unter afrikanischem Himmel werden.
8. Tag
Zu meinem Freude kann ich den gesamten Tag mit Mohammed verbringen.
Er zeigt mir die Stadt, erzählt mir ein wenig vom Leben in Khartoum und schimpft ausgiebig auf die Militärregierung. Mit ihm besuche ich einen Maler, in dessen Atelier. Er ist 35 Jahre alt und hatte schon mehrere Ausstellungen im arabischen Raum. Neben seinem linken Auge befindet sich eine kleine Narbe. Auf meine Frage nach ihrer Bedeutung, erklärt er mir, es handele sich dabei um eine präventive medizinische Maßnahme gegen Augenkrankheiten, die im staubigen Wüstenklima sehr verbreitet sind. (Abb. 19)
9. Tag
Wieder ist es mir möglich, Mohammed bei seinen täglichen Wegen zu begleiten und so konnte ich viel Neues erfahren. Am Abend bin ich mit Bekannten auf einer Hochzeitsfeier. Die meines Erachtens übertriebene Geschlechtertrennung, das vollständige Alkoholverbot und die frühe Polizeistunde ließen jedoch kaum ausgelassene Stimmung aufkommen.
12. Tag
Da die Temperatur in Khartoum mittlerweile auf 50 Grad Celsius gestiegen ist, kann ich meine Wohnung, die ich vor einigen Tagen mietete, nur frühmorgens kurz verlassen, um Lebensmittel zu besorgen. Den restlichen Tag nütze ich zur Reinigung, im Zuge derer ich Hunderte Schaben massakrieren darf. Im kühlsten Raum der Wohnung richte ich mir einen Arbeitsplatz ein.
Mittlerweile konkretisiert sich auch meine Recherche: Die Menschen sind sehr nett, jedoch scheu und misstrauisch; es ist unmöglich, ohne Hilfe Einheimischer mit meinen Fragen an skarifizierte Personen heranzutreten, ihnen die Zustimmung zu einem Interview zu entlocken.
17. Tag
Diesen Tag verbringe ich damit, einen Fragenkatalog zu erarbeiten. Zehn Fragen zur Person, zu deren Skarifizierungen, die sich nach Möglichkeit mit Ja oder Nein beantworten lassen, um Missverständnissen vorzubeugen. Ein Freund übersetzt mir meinen englischsprachigen Fragenkatalog ins Arabische. Zudem bemühe ich mich, mir einige Kenntnisse des Arabischen anzueignen, um Menschen in ihrer Sprache begrüßen zu können, mich ihnen korrekt vorzustellen, meine Fragen in Arabisch aussprechen zu können.
Am Abend stellt mich meine Vermieterin dem Universitätsprofessor Dr. El Hag Bilal vor, ein Nordsudanese vom Stamm der Shaigyya. An jeder Wange trägt er, seit seinem dritten Lebensjahr, drei senkrechte Markierungen. Diese Gespräche vermitteln mir wichtige Informationen über Skarifizierung und Skarifikation im Nordsudan. Dr. El Hag (als Erster meiner Befragten) sagt mir, er findet seine Schmucknarben nicht schön, seine Kinder würde er auf keinen Fall einer Skarifikation unterziehen. (Abb. 20)
Seit geraumer Zeit wurden Skarifizierungen im Nordsudan nicht mehr betrieben. Ausnahmen findet man noch vereinzelt bei Wüstenvölkern, doch auch hier ist es beinahe unmöglich, Unter-Vierzig-Jährige mit Schmucknarben zu finden. In den unterschiedlichen nubischen Gruppen wurde diese Operation an den Wangen im 3. bis 4. Lebensjahr der Kinder von Personen durchgeführt, die in dieser Kunst erfahren waren und mit den Eltern unter Vertrag standen. Mit dem Operationsinstrument, gewöhnlich ein scharfes Messer oder eine Klinge, wurden drei tiefe, meist vertikale Schnitte an jeder Wange angebracht. Mit besonderer Vorsicht hatte die Skarifizierung bei Mädchen durchgeführt zu werden, denn Länge und Breite der Narben bestimmten Grad der Schönheit mit.
Die Narben der Dongolawis und Shaigiyya waren gewöhnlich horizontal mit einer mittleren Markierung als lineare Weiterführung des Mundes. Bei den Rubatab und Ja'áliyyin waren die Narben mehr oder weniger vertikal. Die Abdullab verwendeten drei ähnliche Narben auf jeder Wange und kreuzten diese mit einzelnen horizontalen Zeilen. Im Fall der Kababish wurden die Schnitte so sauber ausgeführt, dass sie im frühen Erwachsenenalter kaum mehr sichtbar waren. Viele der Bisharin und Hadendowa tragen dieselben Narben, obgleich einige der Rashaida um die Stadt Kassala wesentlich kürzer sind. Die Frauen tragen die gleichen Markierungen in ihrer Tätowierung.
Ableitung dieser Markierungen sind Narbentypen, die auch im Nordsudan verbreitet sind. Jene Wangenschnitte in Form eines H´s oder Quadrats, bekannt als "die Leiter des Scheichs EL-Taiyib", werden nur von Mitgliedern der Ja'áliyyin getragen. Ähnlich bekannt sind diese gleich einem H geformten Wangenarben unter dem Namen "Hammer von Wad Badr" oder "Stab des Scheichs Hassan EL-Hassuna". Diese werden von den Nachfolgern dieser Scheichs getragen.
Anmerken möchte ich, neben der bereits erwähnten präventiven Augen-Operation, eine weitere medizinische Anwendung: Die Tigre Beni Amer behandeln blutarme Kinder durch Einschneiden einer tiefen Wunde in die Wange, anschließend wickeln sie die Kinder in das Fell einer frisch geschlachteten Ziege und gießen warmes Fett über den Kopf des Kindes.
Meine Beobachtungen bestätigen das zuvor genannte Fehlen der traditionellen Schmucknarben bei jungen Menschen. Zudem konnte ich feststellen, dass die Gestaltung der Wangennarben im Nordsudan bei weitem nicht in dem Maß stammesgebunden ist wie es z.B. Seligman und Crowfoot nach Haupt, S. 1990 um 1918 noch beobachten konnten oder wollten. Dieser Umstand ist auf die vermehrte Vermischung einzelner Volksgruppen zurückzuführen, welche in jüngerer Vergangenheit stattgefunden hat.
Während meines Aufenthalts konnte ich ältere Personen befragen, deren Wangen von zwei bis drei Narben je Gesichtshälfte verziert waren. Sind es kürzere Schnitte bei den Männern, so weisen die Gesichter der Frauen fingerlange Einschnitte auf. Manchmal sind die Narben bloß schmale Spuren; andere wiederum sind zu Furchen verdickte Narben, die sich durch die Gesichter mancher Frauen ziehen. Unter den Augen beginnend, an der Unterkieferkante auslaufend, selten geschwungen, meist geradlinig, parallel zu den Lachfalten. In den Gesichtern älterer Frauen bildet sich bei gewisser Mimik eine hügelige Landschaft, deren Täler sich dunkel, deren Anhöhen sich hell abzeichnen. Beim Lachen verändert sich die Gesichtsstruktur wie eine Landschaft nach geologischer Verschiebung. Die langen und tiefen Narben der Frauen lassen diese bedeutend älter wirken.
Bei Männern, deren Skarifikation einem H nahe kommt, verändert der Querstrich das natürliche Gesichtsbild mehr als ausschließlich senkrecht verlaufende Linien anderer Personen. Denn kann man vertikale Zeichen für ausgeprägte Falten halten, ist dies in Kombination mit einer horizontalen Narbenlinie kaum möglich, selbst wenn diese meist als graphische Verlängerung des Mundes verlaufen.
20. Tag
Ich bin nun schon über ein halbes Monat im Sudan, und konnte erst zwei Fotos machen. Bislang bin ich an der Scheu der Menschen gescheitert: sobald ich meine Kamera aus der Tasche ziehe, verschwindet das Lächeln in den Gesichtern der Menschen.
22. Tag
Rückschlag! Ein Arbeitskollege meiner Kontaktperson, Mr. Osman Kanan, Angehöriger des Nubastammes, welchen ich besuchen wollte, hat mir mitgeteilt, dass Skarifikationen bei seinem und bei anderen Nubastämmen nicht mehr vorgenommen werden. Um meine Enttäuschung zu mildern, verspricht er mir, mich weiteren Angehörigen seines Stammes vorzustellen, die mir Informationen über Skarifizierung und Skarifikation der Nuba geben können.
Osman Kanan ist 64 Jahre alt. Seine H-förmigen Schmucknarben ließ er sich im Alter von 18 Jahren in die Wangen schneiden, nicht als Stammeszeichen, sondern aus ästhetischen Gründen.
Exkurs
Da, wie bereits erwähnt, bei den Nuba heutzutage keine Skarifizierungen mehr üblich sind, möchte ich im nachstehenden Exkurs auf die Beobachtungen Leni Riefenstahls verweisen. Trotz ihrer untolerierbaren Rolle während des Nationalsozialismus, muss Riefenstahls journalistische Arbeit über die Nuba und der Wert ihrer Fotos im Rahmen dieser Arbeit beachtet werden. Meine Wertschätzung gilt nur dieser bestimmten Arbeit. Ansonsten ist es mir ein Anliegen, mich von ihrer Person zu distanzieren. Eine Kritik ihrer Arbeit findet sich im Vortragsmanuskript von Liesl Ponger (Ponger, L., 2003).
Skarifikation der Nuba (Riefenstahl, L., 1973)
Im Rahmen der Initiation werden an den Nuba- Mädchen Ganz-Körper-Skarifizierungen durchgeführt, der Gesichtsnarbenschmuck der Nuba- Männer hingegen dient ästhetischen und medizinischen Zwecken.
Die weiblichen Stammesmitglieder machen drei Skarifizierungsrituale durch, wobei das erste meist im Alter von zehn bis elf Jahren durchgeführt wird. Die Operationen werden zumeist von einer außerordentlich geschickten Frauen durchgeführt, deren Werkzeug aus einem scharfen, flachen und trapezförmigen Messer besteht, bei dem die längere der parallelen Kanten die geschärfte ist. Vor der Prozedur werden von der Operateurin die zu behandelnden Körperstellen mit Öl eingerieben, danach sorgfältig Linien in die ölige Haut vorgezeichnet, entlang derer sie die Schnitte anbringen wird. Mit einem Dorn wird die Haut hochgezogen, anschließend eingeschnitten. Die jungen Mädchen erhalten nur wenige Schnitte unterhalb des Nabels. Das aus den Wunden abfließende Blut wird mit einem Zweig abgewischt.
Während die erste Skarifizierung im Dorf vollzogen wird, meist im Schatten eines großen Baumes, wird die zweite und dritte hoch oben in den Felsen vorgenommen, um den Blicken der Zuschauer zu entgehen. Nur Familienangehörigen ist es erlaubt, anwesend zu sein.
Die zweite Skarifizierung wird einige Zeit nach Eintritt der Periode durchgeführt. Das Mädchen, ungefähr fünfzehn Jahre alt, kniet im Eingang einer Felshöhle. Die Operateurin sitzt auf einem Hocker, um mit ruhigen Händen arbeiten zu können. Sie schneidet sehr schnell und präzise, während das Mädchen, ohne sichtliche Zeichen von Schmerz, die Ausführung genau beobachtet.
Ungefähr nach einer Stunde ist die Prozedur beendet: Vom Nabel bis unter die Brust zieht sich ein breiter Streifen vertikal ausgerichteter Schnitte. Ohne Pause werden anschließend die beiden Körperseiten mit Schnitten versehen.
Die Wunden werden mit Dura-Mehl, das den Schmerz lindern und vor Infektionen schützen soll, bestäubt. Dem Mehl sind pulverisierte Kräuter und Wurzelextrakte beigemischt, um die Narben plastischer werden zu lassen. Die Plastizität erhöht den ästhetischen Wert, und sichert die dauerhafte Sichtbarkeit der Narben bis ins hohe Alter. Die Nuba-Frauen, so Leni Riefenstahl, sind sehr stolz auf ihren Körperschmuck.
Die dritte und letzte Operation, der sich die Frauen nach Entwöhnung ihres ersten Säuglings unterziehen, dauert zwei Tage und ist nicht nur die schmerzhafteste sondern auch die teuerste. Die Spezialistin, die diese Schönheitsoperation durchführt, erhält für ihre Arbeit einige Liter Öl, weiters Getreide, Hühner oder Ziegen. Meist wird die Bezahlung vom Mann übernommen, ist ihm dies nicht möglich, so übernehmen es die Verwandten der Frau.
Am ersten Tag dieser Skarifizierung werden der gesamte Rücken, der Hals bis zum Haarsansatz sowie Ober- und Unterarme mit Tausenden von kleinen Schnitten übersät. Am zweiten Tag folgen Hüften, Beine und Gesäß. Diese Körperstellen sind besonders empfindlich, trotzdem versucht die Frau ihren Schmerz nicht zu zeigen. Ab und an verrät ein Zucken in ihrem Gesicht, wie sehr sie sich beherrscht. Da die Frauen bei dieser Operation viel Blut verlieren, werden sie manchmal ohnmächtig. Leni Riefenstahl: Nach überstandener Prozedur folgt die Belohnung. Durch die neuen Muster, die ihren Köper schmücken, wirken sie nun auf die Nuba- Männer sehr attraktiv, und sie werden wieder zu den begehrtesten Frauen ihres Dorfes gehören. (Riefenstahl, L., 1973, S.427).
Diese Tradition des Skarifizierens, wie Leni Riefenstahl sie beschreibt, wird meines Wissens nach nicht mehr praktiziert; dies war die einhellige Aussage einiger Angehöriger des Nuba-Stammes sowie Prof. Yussuf Fadls, der ein Buch über Skarifikationen verfasste (in Arabisch) und mit dem ich mich während meines Aufenthalts mehrmals unterhielt. Dennoch traf ich einige Nuba-Männer, die ihre Körper mit eingeschnittenen bzw. eingebrannten Ornamenten verschönert hatten.
25. Tag
Mit der Hilfe eines Freundes an der Universität ist es mir möglich, zwei weitere Personen zu befragen. Kaka Kuku ist eine Nuba Frau und arbeitet als Teeköchin am Campus. Ihre Wangen schmücken je drei lange, vertikalverlaufende, fingerbreite Einschnitte. Auf meine Frage, ob sie ihre Skarifikation schön findet, antwortet sie mit einem überzeugenden Ja, natürlich. Sie erzählt mir, sie habe sie als Zehnjährige erhalten, ihre Beschreibung des Operationsvorganges deckt sich mit meinen Informationen: Bestreichen der frischen Wunden mit Pflanzenöl, Einlegen eines Baumwollfadens, um den Heilungsprozess zu verlangsamen und somit die Narbenbreite zu vergrößern. (Abb. 21)
Die zweite Teeköchin, die ich befrage, trägt den Namen Verechen, ist 55 Jahre alt und vom Stamm der Shaigiyya. Seit ihrem 9. Lebensjahr hat sie zwei sehr lange, senkrecht über beide Wangen laufende Narben. Sie lehnt ihren Hautschmuck ab, ihren Kindern, sagt sie, würde sie solches nicht aufbürden. (Abb. 22 u. 23)
Beide Frauen erlauben mir, sie zu fotografieren, nehmen mir jedoch das Versprechen ab, ihnen Abzüge der Bilder zukommen zu lassen.
28. Tag
Erneuter Rückschlag: Der Leiter der Abteilung für Anthropologie an der Universität von Khartoum klärt mich über Skarifikationen im Südsudan auf. Sie werde bei den Stämmen der Dinka und der Nuer zwar noch manchmal betrieben, doch weder jedes Jahr, noch zu einem bestimmten Zeitpunkt, da dieser durch verschiedenste Faktoren beeinflusst sei. Ein Faktor sei zum Beispiel die Milchproduktion der Rinder, nur in Jahren hoher Milchproduktion würden Skarifikationen stattfinden. Der Grund dafür liegt meines Erachtens in der engen Verbindung von sudanesischen Rinderzüchtern zu ihrem Vieh.
Zudem klärt er mich darüber auf, es sei unmöglich, eine Reiseerlaubnis für den im Bürgerkrieg liegenden Südsudan zu erhalten. Als Trost für diese schlechten Nachrichten versichert er mir jedoch, ich werde im Großraum Khartoum genügend skarifizierten Menschen aller möglichen ethnischen Gruppen des Sudans finden. Ich konnte auch bereits viele skarifizierte Personen in meiner Umgebung beobachten: Die meisten tragen die Narben waagrecht auf der Stirn, teilweise bis zu den Ohren, teils rund um den Kopf. Mal sind die Narben sehr plastisch, manchmal beinahe nicht zu sehen. Bedingt durch meine noch kaum vorhandenen Arabischkenntnissen und mangels persönlicher Kontakte, konnte ich die beobachteten Personen leider weder befragen, noch um die Erlaubnis zu einem Foto bitten.
30. Tag
Nachmittags lerne ich durch Vermittlung Prof. Fadls einen seiner Freunde kennen. Dr. Matheus Obur Ayang war Dozent an der Universität von Juba. Er ist Chief eines Shilluk-Stammes und musste, da er der Militärregierung oppositionell gegenüber stand, den Südsudan verlassen. Dr. Matheus war nach eigenen Angaben des öfteren inhaftiert.
Über drei Stunden erzählt er mir von der politischen Situation in seinem Land, bis ich das Gespräch schlussendlich doch auf meine Forschungsarbeit lenken kann und vieles über die Knopfnarben seines Stammes in Erfahrung bringe. Meine Bitte, ihn fotografieren zu dürfen, lehnt er aus Sicherheitsgründen ab.
33. Tag
Ein guter Tag für meine Fotografien. Dr. Matheus hat seinen Neffen, Mr. Deng, überredet, mit mir ein Gespräch zu führen. Mr. Deng ist 47 Jahre alt und, wie sein Onkel, Stammeszugehöriger der Shilluk. 1956 wurde er, hundert Kilometer nördlich von Juba, im Südsudan geboren, wo er 28 Jahre in der Sippe lebte, bevor er nach Juba und später nach Khartoum übersiedelte. Mr. Deng, der aus einer Familie von Rinderhirten stammt, erlebte seine Skarifizierung mit 21 Narben im Alter von 12 bis 16 Jahren. Die Skarifikation dieser Stammesgruppe besteht aus einer Reihe von bis zu dreißig knopfartigen Narben, die über den Augenbrauen in einem Bogen von Ohr zu Ohr verlaufen. Es bedurfte drei aufeinanderfolgender Eingriffe, um diese 21 Narben so erscheinen zu lassen wie ich sie heute betrachten kann: Nach dem Verheilen der ersten Narbe wurde diese nochmals aufgeschnitten, wodurch sich auf der ersten Narbe eine zweite aufbaute. Diese Prozedur wurde nochmals wiederholt, um so eine dreistöckige Narbe zu erzielen. Um die Schnitte exakt anzusetzen, wurde die Haut mit einem Angelhacken hochgezogen und mit einer Klinge abgeschnitten. Nach der Operation musste Mr. Deng vorgebeugt, das Gesicht zu Boden geneigt, verharren, um die frischen Wunden ausbluten zu lassen. Anschließend wurde die Wunde mit Milchfett bestrichen, um eine Entzündung auszulösen, die den Heilprozess verzögerte und die Narben wuchern liest. Während solcher Prozeduren, so berichtet er mir, waren Gefühlsregungen verpönt, sie galten als Schande und Feigheit. Seiner Beschreibung nach waren die Eingriffe äußerst schmerzhaft, wurden von ihm aber ohne Klagen erduldet, weshalb für ihn diese Narben auch heute noch ein Beweis seiner Tapferkeit darstellen, den er mit Stolz trägt. Obgleich er sie schön findet, wird er seinen Kindern Skarifizierungen nicht erlauben, da er solche Schmucknarben als unpassend für moderne, gebildete Sudanesen erachtet. Zu meiner Überraschung gestattet mir Mr. Deng, ihn und eine seiner zufällig anwesenden Freunde zu fotografieren. Jener erlebte nur einen Eingriff, hat aus diesem Grund nur flache Narben. (Abb. 24 28)
Die meisten anderen Shilluk, die ich zuvor befragte, verwehrten mir Fotos aus Scheu wie auch aus politischen Gründen. Hingegen erlaubten mir alle, ihre Narben zu berühren. In ihrer Größe an männliche Brustwarzen erinnernd, fühlen sie sich auch sehr ähnlich an. Weiters bestätigt sich dieser Vergleich durch die Elastizität, und laut Angaben der Befragten, auch durch deren Sensibilität. Ob diese Ähnlichkeit ein wesentlicher und bewusster Aspekt ihrer Skarifikation sei und ob dadurch die Anzahl der menschlichen Sinnesrezeptoren vervielfältigt werden solle, bestätigten mir aber nur die Hälfte der Befragten.
36. Tag
Die Ereignisse des heutigen Tages sind seltsam. Während meines Einkaufs am Zentralmarkt treffe ich zwei mir bekannte Männer, die sich zu meiner Verwunderung mitten im Gespräch von mir abwenden und in den Gassen verschwinden. Ich sehe mir die Menschen in meiner Nähe genauer an; ich erkenne einen Mann wieder, den ich bereits mehrmals in meiner Nähe wahrgenommen habe. Bevor ich ihn ansprechen kann, ist er in der Menge verschwunden. Ich vermute, dass sich die Geheimpolizei für mich zu interessieren beginnt.
42. Tag
Nach einer ausgestandenen Erkrankung kann ich heute wieder meine Freunde an ihrem Arbeitsplatz, dem Flughafen von Khartoum, besuchen. Bei dieser Gelegenheit ergibt sich eine weitere Befragung. Mr. Irenoo, welcher nach seinen Angaben ca. 38 Jahre alt ist und in den Stamm der Jurchol (Dinka) geboren wurde. Die V-förmigen Narben auf seiner Stirn, die sich bis in den Nacken fortsetzen, trägt er seit seinem 18. Lebensjahr mit Freude. Wie für alle anderen Befragten kommt auch für ihn eine Skarifizierung seiner Kinder nicht in Frage; diese passe nicht in die heutige Gesellschaft. Mr. Irenoo räumt jedoch ein, wenn er in der Abgeschiedenheit eines Dorfes leben würde, wäre er mit der Sarifikation seiner Kinder sicherlich einverstanden. (Abb. 29)
52. Tag
Mit zwei Freunden, die ich von der Universität kenne, fahren wir am frühen Morgen nach Ondurman. Von dort bringt uns ein weiterer Bus zu einem Lager für Kriegsflüchtlinge aus dem Süden, welches 10 km außerhalb von Ondurman liegt. Das Lager besteht aus tausenden Lehm- und Ziegelhütten. Meiner Schätzung nach sind im Lager an die zwanzigtausend Menschen untergebracht. Trotz der herrschenden Armut wirkt das Lager sehr gepflegt. Mein positiver (und vermutlich falscher) Eindruck entsteht wohl durch meine Vorliebe für die traditionelle Bauweise der Lehmhütten: sie sind in einer geschlossenen Hofform angeordnet; ihr Baustil ist aller Wahrscheinlichkeit nach an jenen ihrer ursprünglichen Heimat, der südsudanesische Savanne, angelehnt. Als wir das Lager betreten, erwarten uns einzig einige Ziegen und Hunde, die im Schatten der Hauser ein wenig Schutz vor der sengenden Sonne suchen. Mein Freund, der im Lager Verwandte hat, kann - bedingt durch die Ähnlichkeit der Hütten - , das Anwesen seiner Familie nur mit Mühe finden. Wir lassen uns unter dem Vordach seines Onkels nieder, und ich eröffnete mein Büro. Sobald ich Fragebögen wie Kamera zurechtgelegt habe und mein Anliegen mitgeteilt wird, erwacht schlagartig Leben in der Siedlung. Zuerst Kinder, die mich einkreisen, bald aber kommen auch Erwachsenen zu uns, und ich beginne mit meinen Befragungen. Machte ich mir anfangs noch Sorgen, ob ich ausreichend Menschen antreffen würde, bleibt mir in den folgenden Stunden kaum Zeit für eine Zigarettenpause. Über 20 Personen befrage ich, fotografiere, die meisten sind vom Stamm der Dinka und der Nuer, einige auch vom Nuba-Stamm.
Unter anderem spreche ich mit Vaulino Matiok Lok. Mr. Matiok wurde 1950 in Amadi, einer kleinen Stadt hundert Kilometer westlich von Juba, geboren. Wie die meisten Dinkas lebte auch seine Familie von der Rinderzucht. Vor zehn Jahren musste die damals noch dreizehnköpfige Familie (heute sind es 30 Geschwister) in den Norden flüchten. Mittlerweile ist Mr. Matiok Vater von einundzwanzig Kindern und vierfacher Ehemann. Seine Initiation erfolgte im Alter von zwölf Jahren und hinterließ zwölf parallel laufende, horizontal angeordnete Narben an seiner Stirn. Seinen Angaben nach unterliegt die Anzahl der Schnitte der Lust und Laune des Operateurs, ist aber bei allen Teilnehmern einer Initiation die gleiche. Mr. Matiok trägt seine Skarifikation nach wie vor voller Stolz, will sie aber seinen Kindern nicht erlauben, da die Familie nicht in ihrer Heimat lebt.
Von Mr. Matiok konnte ich noch viele weitere Details über die Skarifizierung der Nuer und Dinkas erfahren:
Die Initiations-Zeremonie bei den Nuer hat größere soziale Bedeutung als bei anderen Nilotischen Gruppen des Südsudans. Die jungen Männer benötigen die Erlaubnis ihres Vater und machen ihren eigenen Vertrag mit dem Operateur, welcher für seine Arbeit von jedem einen Fischspeer bekommt. Die Operation wird an bis zu acht Personen zur gleichen Zeit durchgeführt, da sich bei einzelner Skarifizierung Gefühle der Einsamkeit entstehen könnten und die Initianten eventuell sterben könnten, sagt Matiok. Die Initiation kann zu jeder Jahrszeit stattfinden, wird aber meistens am Ende der Regenzeit, nach der es genügend Lebensmittel gibt und der Nordwind die Wunden besser heilt, durchgeführt.
Schulter an Schulter auf dem Boden liegend, mit rasierten Köpfen, erwarten die jungen Männer die Prozedur. Der Operateur kniet sich neben ihren Kopf, um mit einem scharfen Werkzeug sechs parallele Schnitte in die Stirn zu ritzen. Die Schnitte sind so tief, dass selbst der Knochen verletzt, und der Augenhöhlennerv durchtrennt wird. Während des Rituals sollen die jungen Männer die unerträglichen Schmerzen ohne irgendein Anzeichen des Leidens ertragen. Diese Auflage nicht einzuhalten würde lebenslängliche Verachtung der Männer wie auch der Frauen des Stammes nach sich ziehen. Der Heilungsprozess ist lang und schwierig und dauert normalerweise mindestens einen Monat, währenddessen die Initiierten zusammen leben, vielen Tabus unterliegen und sorgfältig von ihren Familien gepflegt werden. Während der Genesungsperiode tragen sie konische, lederne Schutzkappen, um ihre Stirnen zu bedecken. Die resultierenden sechs horizontalen Narben sind die auffallendsten Markierungen der Nuer-Männer. Zusätzlich zu den beschriebenen Zeichen, schmücken sich Männer und Frauen mit Skarifizierungen an Brust, Bauch, Nacken und Rücken. (Abb. 30 52)
55. Tag
Mein scheinbarer Verfolgungswahn hat sich heute legitimiert. Meine Vermieterin hat mir mitgeteilt, dass die Staatspolizei Nachforschungen zu meiner Person angestellt hat. Ich glaube, es wird langsam Zeit, das Land zu verlassen.
56. Tag
Ich kaufe mir ein Flugticket nach Kairo, in drei Tagen werde ich abreisen. Der Umstand, dass die Staatspolizei ein Auge auf mich geworfen hat, wundert mich nicht besonders, hatte ich doch in den letzten zwei Monaten häufig Kontakt mit regimekritischen Personen, mit Künstlern und Oppositionellen. Zudem möchte meine Vermieterin, um Problemen mit den Behörden vorzubeugen, mir die Wohnung nicht weitervermieten, eine ähnlich günstige ist kaum zu finden.
Da ich zum Glück schon sehr viel Material gesammelt habe, kann ich mit gutem Gewissen meine Forschungen im Sudan zu einem Ende bringen.
Résumé
Nach zweimonatigem Aufenthalt im Sudan, mit über dreißig durchgeführten Befragungen und ausreichend Bildmaterial verlasse ich das Land mit gutem Gefühl und viel neuerlangtem Wissen. Mir ist in dieser Zeit klar geworden, dass ich wahrscheinlich die letzte Generation skarifizierter Sudanesen kennen lernen durfte. Bis auf wenige Ausnahmen im nicht muslimischen Süden des Sudans, wird die Skarifizierung nicht mehr betrieben. Die Gründe dafür liegen offen: Die arabisch-muslimisch Regierung unterstützt diese afrikanische Tradition nicht, sie verbietet sie sogar. Ein wichtiges Argument der Regierung ist der Umstand, dass Infektionen, welche einer Skarifizierung folgen können (z.B. AIDS), oftmals zum Tode des Skarifizierten führen. Ein weiterer Punkt, der gegen die Skarifizierung spricht, ist die Ansicht vieler Sudanesen, die sich in meinen Befragungen widerspiegelte, dass ein vernarbtes Gesicht nicht zum Bild des modernen, gebildeten, in Städten und nicht am Land lebenden Menschen passt.
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